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Brasilianische KulturDie brasilianische Kultur zeichnet sich durch ein hohes Maß an Eigenständigkeit und Kreativität aus. Hierfür gibt es vielfältige Gründe, ganz sicher läßt sich dieser Umstand jedoch unter historischen Gesichtspunkten hinlänglich erklären. Die ursprünglichen Bewohner Brasiliens waren Indianer. Nach der Landung der Portugiesen im Jahr 1500 siedelten sich Einwanderer aus verschiedenen Teilen Europas im Gebiet des heutigen Brasiliens an. Ferner wurden afrikanische Sklaven ins Land gebracht und als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, insbesondere auf den Zuckerplantagen, eingesetzt. Im Verlauf der Jahrhunderte vermischten sich die Kulturen der einzelnen Siedlergruppen, und aus den unterschiedlichen Elementen entwickelte sich nach und nach ein neues harmonisches Ganzes.

Allerdings bestehen innerhalb Brasiliens von Region zu Region noch heute recht erhebliche kulturelle Unterschiede. So ist der Einfluß der Urbevölkerung am stärksten in Amazonien zu spüren. Der afrikanische Kulturbeitrag schlägt sich bis heute vor allem in den Bundesstaaten Bahia und Maranhão nieder, wohingegen die Europäer besonders im Süden des Landes ihre Spuren hinterlassen haben. Hier gibt es Regionen von der Größe kleinerer europäischer Staaten, die vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorwiegend vonItalienern und Deutschen, aber auch von Polen und Ukrainern besiedelt worden sind. Diese Europäer haben dort bis in unsere Tage ihre Bräuche und ihre Sprache weiter gepflegt. Damit haben sie Einfluß auf die brasilianische Kultur ausgeübt, sind aber gleichzeitig auch von dieser beeinflußt worden. Durch diese Wechselwirkung entstand eine vielfältige Kultur von hoher Eigenständigkeit. Eine große Bevölkerungsgruppe bilden auch die Nachkommen von japanischen Einwanderern (die größte Anzahl von Japanern außerhalb Japans), die sich schwerpunktmäßig in den Bundesstaaten São Paulo und Paraná niedergelassen haben. Syrer, Palästinenser und Libanesen, katholische Christen und Juden leben in beachtlicher Anzahl in den großen Städten des Landes Seite an Seite, häufig im gleichen Viertel, in der gleichen Straße.

Diese Entwicklung vollzog sich spontan und geht vorwiegend schon auf die Kolonialzeit zurück. Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1822 wurde die Vermischung und das harmonische Zusammenleben verschiedener Ethnien, Rassen und Kulturen, die das Erscheinungsbild des Landes prägten, immer stärker zu einer wahren Ideologie erhoben. Kurz nach der Unabhängigkeitserklärung entstand die “Indianisten-Bewegung“, die den brasilianischen Indio zum Symbol des Landes machte und ihn zum Motiv für bedeutende Kunstwerke im Bereich von Musik, Literatur, Malerei und Bildhauerei werden ließ.

Im Jahr 1922 gingen dann von der “Woche der Modernen Kunst” in São Paulo wichtige neue Impulse auf die brasilianische Gesellschaft aus. Gültig blieb jedoch weiterhin die Auffassung, daß Brasiliens Kultur aus der Vermischung von Rassen aus drei Kontinenten – Amerika, Europa und Afrika – hervorgegangen ist. Mit der Bewegung von 1922 setzte einerseits eine bewußte Aufwertung des afro-brasilianischen Beitrags zur Kultur des Landes ein, andererseits verfestigte sich unter Künstlern und Intellektuellen der (später allgemein gehegte) Wunsch, dem dreifachen kulturellen Ursprung Brasiliens in einer international gültigen zeitgenössischen Sprache Ausdruck zu verleihen. Einige Kritiker sind der Ansicht, die brasilianische Kultur beziehe aus dieser bewußten Hinwendung zu den lokalen Eigenheiten und deren Darstellung in einer international gültigen künstlerischen Sprache immer wieder neue schöpferische Kräfte und Eigenprägung.

Diese Eigenschaften werden noch durch die spontane Offenheit verstärkt, mit der die brasilianische Kultur äußere Einflüsse aufnimmt und den Fremden selbstverständlich willkommen heißt. So ist die heutige, weltweit so bewunderte Música Popular Brasileira das Ergebnis einer Vermischung von Elementen ganz unterschiedlichen Ursprungs, die durch die integrative Kraft der brasilianischen Gesellschaft zu einer Einheit verschmelzen. Diese Fähigkeit, sich für Einflüsse von außen offenzuhalten, sich diese anzuverwandeln und zu etwas typisch Brasilianischem umzuformen, ist bezeichnend für das Wesen des Brasilianers und der brasilianischen Kultur, die von Toleranz, d.h. von der Akzeptanz des anderen und des Andersartigen, gekennzeichnet ist. Mit seiner offenen, kreativen und eigenständigen Kultur verfügt Brasilien auf allen Ebenen über eine kulturelle Vielfalt, die genauso abwechslungsreich ist wie das Klima, die Atmosphäre, die Ethnien, Landschaften und Menschen in diesem Land kontinentaler Ausmaße. In einer der größten Demokratien der Welt erhält die brasilianische Kultur durch ein von schöpferischer Freiheit bestimmtes Klima noch zusätzliche Dynamik.